Eduard Mörike
Mozart auf der Reise nach Prag

Ludwigsburger Schlossfestspiele
Premiere am 07. September 2006

Inszenierung und Bühne: Andreas Geier
Kostüme: Petra Kupfernagel


Bunt mit vielen Perücken

Das Alte Schauspielhaus und die Ludwigsburger Schlossfestspiele wagen erstmals eine Koproduktion mit diesem Stoff. Vieles ist da stimmig: Das Schlosstheater mit seinen Barockkulissen korrespondiert herrlich mit der bunten und perückenbetonten Kostümierung von Petra Kupfernagel.

Regisseur Andreas Geier hat die Geschichte etwas umgestülpt. Am Anfang steht der Dichter Mörike, der eben seine Novelle fertig geschrieben hat und sie nun dem Verleger Cotta zu einem stolzen Preis anbietet. Ganz leise stellen sich daneben eine Sängerin, ein Pianist und Mozart selbst auf, eine Arie wird gesungen, und Mörike schläft ein dabei. Die historischen Figuren interessieren sich für das Manuskript, amüsieren sich darüber, der Dichter wacht darüber auf, und fortan lassen sich Mörike und die von ihm geschilderten Personen in ein munteres Wechselspiel ein, ohne sich um die zeitlichen Differenzen zu kümmern, die historisch nun mal zwischen ihnen liegen.

Sebastian Feicht, einige Jahre Ensemblemitglied am Stuttgarter Staatsschauspiel, spielt den Mozart sehr jung und ausgelassen und vor allem sehr verliebt in seine Frau Constanze. Sarah Jeanne Babits macht dieses Spiel gerne mit, auch die Hemdsärmligkeit ihres Mannes gefällt ihr. Und Reinhold Ohngemach als altersweiser Mörike schaut vergnügt dem Treiben der jungen Leute zu. Die Sopranistin Soojoo Clara Lim und der Bassbariton Cornelius Burger, begleitet von William Girard am Hammerflügel, streuen prägnante Mozart-Stücke dazwischen. Die Inszenierung geht augenzwinkernd mit der Vorlage um, genüsslich wird etwa mal die manchmal doch sehr blümerante Sprache von Mörike offen gelegt. Der dramatische Höhepunkt ist, als der Auftritt des Komturs in der Oper "Don Giovanni" in der launigen Abendgesellschaft vorgestellt wird.

Stuttgarter Nachrichten, Armin Friedl

Eine Novelle auf dem Theater

Dabei bedient sich Andreas Geier, der nicht nur die Inszenierung und den Bühnenraum, sondern vor allem die szenische Einrichtung der Novelle geschaffen hat, bei den Dialogen, die schon im ursprünglichen Text häufig vorgegeben sind, der Diktion Mörikes und wenn erforderlich, passt er seine Worte ihr an. So entsteht in dieser Art der Dramatisierung eine Novelle auf dem Theater, die ihren Ursprung nicht verleugnet, die aber auch den Erfordernissen der Bühne gerecht wird. Dabei ist es vor allem die Charakterisierung der Akteure, die, neben dem roten Faden der Geschichte, der auch hier sichtbar ist, diese Webart des Stoffes auszeichnet. Das Ganze ist ein origineller Beitrag zum Mozart Jahr.

Fränkische Nachrichten, Dieter Schnabel

Lebendige Anschauung

"Sind wir da gewesen?", fragt Frau Constanze (Sarah Jeanne Babitz) ihren Herrn Wolfgang verwundert. "Er schreibt"s" antwortet jener amüsiert. Fortan machen die Herrschaften Mozart, obwohl sie sich über die biedermeierliche Detailversessenheit des Dichters amüsieren, gemeinsame Sache mit Eduard Mörike. Eine "musikalisch-szenische Entdeckungsreise" nennt der Regisseur Andreas Geier seine Inszenierung, mit der das Ensemble des Alten Schauspielhauses den Mörike-Text vor der barocken Kulisse des Ludwigsburger Schlosstheaters in ein Singspiel transformiert.

Die Regie verpackt die Episoden in einen Traum Mozarts, der zum farbenfrohen Kostümspektakel (Ausstattung: Andreas Geier und Petra Kupfernagel) gerät, in dem sprachliche Doppeldeutigkeiten sorgsam akzentuiert werden. So ist etwa der Pomeranzenbaum, von dem der unersättlich lebens- und liebeshungrige Mozart (etwas blass: Sebastian Feicht) eine Frucht mopst, eine gebefreudige verschleierte Dame, auf deren Kleid die begehrten Zitrusfrüchte projiziert werden.

Stuttgarter Zeitung, Inge Bäuerle

Geheimnisvolles Grauen

Auch in "Mozart auf der Reise nach Prag", einer szenisch-musikalischen Collage der Ludwigsburger Schlossfestspiele nach Mörikes gleichnamiger Novelle, steht die Titelfigur höchstselbst auf der Bühne.
Darsteller Sebastian Feicht hält sich von äußerlichen Klischees fern. Sein Mozart, zeittypisch ausstaffiert mit Perücke und Rüschenhemd, ist vorwiegend heiter bis leicht verrückt aufgelegt. Er begrüßt die Festspielgäste in der ersten Reihe mit Handschlag und fragt frech, wie sein "Don Giovanni" denn heute so ankommt: "Kennen Sie die Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper?"
Ein hochbegabter Bengel sozusagen. Doch die Inszenierung von Andreas Geier fängt mit dem Erzähler an. Den spielt Reinhold Ohngemach souverän als einsam träumenden Poeten vorne im Zuschauerraum - und die Regie erweckt auf der Bühne nach und nach alle Figuren der Novelle zu neuem Leben. Das ist unterhaltsam gemacht, denn die Figuren geraten häufig außer Kontrolle und klauen dem betulichen Mörike auch schon mal das Manuskript aus der Hand, so dass dieser völlig den Überblick verliert. Ansonsten lässt Geier Mörikes Novelle, die um Mozarts Pragreise 1787 eine Reihe "frei erfundener Situationen" rankt, szenisch sorgfältig nacherzählen und reichert sie mit Arien an - meist aus der für Prag komponierten "Giovanni"-Partitur.
Sarah Jeanne Babits gibt eine ehrgeizig parlierende Gattin Constanze, die von der großen Karriere ihres Ehemanns fantasiert: "Mozart als Berliner". Das wirkt über weite Strecken amüsant - wenn auch mit etlichen Durststrecken.
Am Ende, wenn Mozart von Todesahnungen heimgesucht wird, folgt doch noch ein starker Moment: Da verdichten sich Wortfetzen - etwa vom "geheimnisvollen Grauen der Musik" - zu einem bizarren Gewirr innerer Stimmen. Und Mörikes Novelle trägt, so gesehen, auch albtraumhafte Züge.

Otto Paul Burkhardt