Rainer Lewandowski
Die Tour

Altes Schauspielhaus Stuttgart
Premiere am 16. März 2007
Inszenierung und Ausstattung
: Andreas Geier

Absturz eines Karriere-Junkies

Ein letztes Mal wird dieser Henry seinen Nadelstreifen-Anzug ausziehen und sich im Gelben Trikot des Spitzenreiters dem Ziel der nächsten Bergetappe entgegenquälen - auf seinem Hometrainer. Die Leiden der Fahrer bei der Tour de France nutzt Rainer Lewandowski in seinem Ein-Personen-Stück „Die Tour“ als Folie für sein mit einigen Klischees behaftetes Porträt eines Karriere-Junkies. Seine Markenzeichen: bedingungslose Siegermentalität, Villa mit Swimming-Pool. Und auch eine vor der Gattin verheimlichte Geliebte.

Mit hohem Tempo folgt Regisseur Andreas Geier im Theater unterm Dach des Alten Schauspielhauses den Etappen eines beruflichen und privaten Absturzes. Als darstellerischen Kontrapunkt zu den in seinem Rücken wackelnden Filmsequenzen strampelnder und bei rasanten Abfahrten übereinander stürzender Tour-Fahrer lässt Schauspieler Peter Rißmann seinen Henry wie einen Wahnsinnigen in die Pedale treten. Ein von der Sucht nach einer Führungsposition Gejagter, der über dem Fahrradlenker vor Firmenvorständen buckelt. In Kaskaden sprudeln die Bilder eines von chronischer Unrast beherrschten Lebens aus dem Mund dieses Erfolgssüchtigen. Gesichtsausdruck und Tonfall wechseln blitzschnell zwischen plakativer Euphorie und nackter Existenzangst. Der Ruf des Schweißüberströmten nach Wasser zitiert Ehefrau Mathilde (Barbara von Münchhausen) herbei. Ihre stumme Verbitterung müsste Henry eigentlich zeigen, dass er nicht länger vor sich selbst davonfahren kann.

Stuttgarter Nachrichten, Horst Lohr

Aus dem Rennen

Einen wie ihn findet man nicht alle Tage. Einen, der bewiesen hat, dass er der Beste ist. Wenn es nach Henry ginge, müsste die Welt ihm permanent applaudieren.

Und nun? „Aus dem Kampf wegrationalisiert“ und entlassen, das Haus verloren, die Frau auf dem Absprung. Der arme Henry ist tief gefallen. Aber: er strampelt weiter, im wahrsten Sinn der Wortes. Denn ist das Leben nicht eigentlich ein ewiger Wettkampf? Rainer Lewandowski setzt in seinem Theaterstück „Die Tour“ das Leben seiner Hauptfigur gleich mit der Tour der France. Aufstieg und Abfahrt, kämpfen bis zur Erschöpfung. Siegen und verlieren.

Im Theater unterm Dach im Alten Schauspielhaus sitzt Peter Rißmann als Henry nun auf dem Standrad und radelt. Denn dieser gestürzte Karrierist will sich nicht abfinden, dass er aus dem Rennen, dem Arbeitsleben ist. So fährt er eben von zu Hause aus mit, und Rißmann strampelt eisern eine Stunde und erzählt dabei, wie es mit Henry bergab ging. Lewandowskis Text begnügt sich mit einer ungeschliffenen Alltagssprache und ist nicht sehr raffiniert konstruiert, die lineare Erzählung legt aber doch Schritt für Schritt die Abgründe der Figur frei, die freilich eine klischierte ist: Er ist ein Bilderbuchkarrierist, eitel und selbstgefällig, bis das berufliche Aus ihn in einen traurigen Tropf verwandelt. Der Regisseur Andreas Geier macht das Fahrradfahren zum Ausdruck der Psyche, und Rißmann hat die Figur des Henry gut im Griff und schafft es, dass man diesen unsympathischen Aufschneider am Ende fast sogar ein bisschen gern hat.

Stuttgarter Zeitung, Adrienne Braun